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Buß- und Bettag in Dresden
Von Frank Weller | 22.November 2008
Den Buß- und Bettag zur Pilgerfahrt provinzialischer Jünger ins ferne Jerusalem des Schachs auserkoren zu haben, um zumindest den sportlichen Glauben aufzufrischen, war moralisch sicherlich wertvoll, aber vor allem praktisch.
Da sich die Sachsen als einzige Deutsche den Feiertag leisten, durften wir mit weniger Gedränge im ICC Dresden rechnen als am ersten olympischen Wochenende. Die Pilgerfahrt unseres Oktetts war einsam, die Autobahnen leer. Dresdens Gaststätten ebenso. Nur an der Wallfahrtsstätte selbst war unerwartet viel Volk anwesend. Die halbe sächsische Schachgemeinde scheint sich für den 6. Spieltag entschieden zu haben.
Das Interesse ist begründbar. Den Spitzen unseres Lieblingshobbys möchte genau wie in jeder anderen Sportart gehuldigt werden. Berührungen mit den Superstars der Szene sind ansonsten eher karg gesät, Berichterstattungen gehen kaum über Nachrichten der Internetplattformen hinaus. Die wiederum liefern allerdings sehr gute Arbeit ab. Vor allem was die Dresdner Veranstaltung betrifft, zeigen die Internetdienstleister, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Von Radio- und Fernsehsendern weitgehend ignoriert, ist die Übertragung der Schach-Olympiade im Netz außerordentlich eindrucksvoll und beispiellos in der Größenordnung von täglich immerhin über 500 Partien, welche in Echtzeit übertragen werden.
Trotzdem ist das Liveerlebnis kaum zu ersetzen, weshalb sich auch so viele täglich auf den Weg in die Hauptstadt Sachsens und des Schachs begeben. Es lohnt sich auch eine weite Anreise, nicht nur passionierte Schachspieler kommen auf ihre Kosten. Aus Sicht des Publikums haben die Organisatoren ein einzigartiges Festival vorbereitet, was durchaus Lust auf mehr als nur einen Tagesbesuch macht.
Im Foyer des Kongresszentrums werben, wie uns Burkhard bereits erzählt hat, einige Verlage und Händler um die Gunst der Gäste und bieten die feinen Dinge des „täglichen Bedarfs“ an. Da einige von uns, deren Namen an dieser Stelle nicht genannt werden sollen, wohl ihr Vertrauen in ihre Schachkulis verloren haben (wer Schach spielt, weiß, welch ideelle Bedeutung ein eingeschriebener SCHACHKULI hat), wurden hier bereits Gelegenheitskäufe getätigt. Freunde, damit fangt ihr wieder von vorn an, das wisst Ihr! Aber vielleicht ging ja bereits ein bisschen von der Spiritualität der Umgebung auf die Neuerwerbungen über.
Eine kleine, versteckte Ecke findet sich auf dem Info-Stand des Deutschen Schachbundes. Dort werden durchgehend historische Filme, unter anderem über die Leipziger Schacholympiade von 1960 gezeigt. Eine nette Geschichte war die von Uhlmanns erfolgreichem Emanuel-Lasker-Gedenkturnier 1968 mit original Mitropa-Authentizität.
Die Infotheken, Verkaufsstände, Sponsoren- und Eigenwerbung machen die Olympiade bunt, aber noch nicht spannend. Dafür sorgt der Kampf um die Spitze, in welchen sich Deutschland 1 der Herren erfolgreich eingeschaltet hat. Aber auch das ist es längst noch nicht, was den Reiz dieser Olympiade ausmacht. Sie wird erst zu etwas Lebendigem durch die bunte Mischung aus Wettkämpfern und Betreuern, den Offiziellen, Journalisten, Volontären und dem mehr oder weniger sachverständigen Publikum. Man darf sich getrost zu Gemüte führen, dass nur zur Olympiade in Peking noch mehr Nationen vertreten waren. In der Altersspanne liegt Dresden dafür klar vorn. Fast 70 Jahre trennen den jüngsten Aktiven (noch nicht ganz acht) von der lebenden Legende Victor Korchnoi (Baujahr 31)! Genauso groß ist auch der Mentalitätsunterschied zwischen überlegener Kühle in Europa oder Nordamerika spielender Profis und dem lebensfrohen Charme exotischer Nationen. Zum Beispiel sieht man Ghanas gelbe Sweatshirts schon von weitem. Diese symbolisieren nicht nur Nationalstolz und Teamgeist, sondern drücken Freude am Schachfest aus.
Deutlich wurde an „unserem“ Mittwoch das Zusammenprallen unterschiedlichster Kulturen bei der Begegnung der Damen von El Salvador gegen Iran. Während die islamischen Mädchen bis auf das Gesicht schwarz gewandet erschienen, saßen ihnen die Mittelamerikanerinnen sehr leger mit (fast) schulterfreiem Boxershirt gegenüber.
Dem Durchschnittsgast, also dem Vereinsschachspieler, steht es frei, sich von der Multikultur im und außerhalb des Spielsaals gefangen nehmen zu lassen oder aber vor Ehrfurcht vor der Bühne zu erstarren, auf welcher die Tabellenersten (und die deutschen Frauen) Platz genommen hatten. Vladimir Kramnik, gerade vom Thron gestoßen, spielte an vorderster Front gegen Nigel Short. Keine Regung, nicht einmal das allerkleinste Augenbrauenzucken entging der vor der Bühne stehenden, nie kleiner werdenden Traube von Fans. Unserer deutschen Nummer Eins, Arkadij Naiditsch, und seinem ukrainischen Gegner Vassili Ivanchuk wurde nicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Unablässig klickten die Kameras, misstrauisch verfolgt von den Blicken der Aufsichtskräfte, dass ab einer Viertelstunde nach Rundenbeginn kein Blitz mehr ausgelöst wurde, sicherlich zu tolerieren als ein Mindestmaß an Rücksichtnahme gegenüber den Aktiven. Überhaupt ist es bewundernswert, dass in diesem Rahmen Weltklassepartien zustande kommen, denn trotz der überraschenden Stille im Saal, worin sich ständig geschätzte 2000 Menschen aufhalten, liegt naturgemäß etwas Spannung in der Luft. Wer von uns könnte denn eine auch nur im Ansatz vernünftige Partie spielen, wenn er sich ständig in den Objektiven spiegelt und Auslösegeräusche hört? Sind die Schweißflecken auf dem hellblauen Hemd mittlerweile nicht etwas zu groß? Zittert der Becher sehr auffällig in meiner Hand? Hört meine Nase von alleine wieder auf, innen zu jucken? Was juckt als nächstes? … Tausend Leute schauen zu!
Hat man sich im Saal sattgesehen oder will man mehr über den Verlauf der vorbildlich, wenn auch etwas unscharf gebeamten Partien wissen, hat man im Foyer die Gelegenheit, dem Marathonalysten und Dauerkommentator auf Großveranstaltungen Klaus Bischoff zu lauschen. Seine Ausführungen sind schon sehr detailliert, werden aber oft genug noch durch das zahlreich anwesende Publikum unterstützt, so dass man die großmeisterlichen Partien tatsächlich auch versteht. Die oft so wichtige Prise Schalkhaftigkeit bringt Klaus Bischoff mit, selbst nach mehreren Stunden streut er immer mal wieder einen spontanen Scherz unter die Anwesenden, welche dankbar für diese Auflockerung applaudieren.
Natürlich kommt man nicht umhin, sich in ein paar Partien hineinziehen zu lassen. Wir fieberten mit, nachdem Deutschlands erstes Brett am längsten spielte und nach Bischoffs Aussage wirklich nicht gut stand. Ein Remis war notwendig, wollte man nicht gegen die ukrainische, favorisierte Mannschaft verlieren. Arkadij Naiditsch erfüllte unsere Erwartungen mit Bravur und hielt die Partie. Damit konnte wohl jeder deutsche Zuschauer gut leben und gegen 20:30 Uhr die Heimreise antreten.
Was haben wir uns von der Olympiade mitgenommen? Außer den besagten neuen Tintenklecksern, denke ich, trägt jeder, der mal dort war, ein Stück Begeisterung mit in seinen schachlichen Alltag, dorthin, wo er und die seinen sich abmühen um mittelklassige Partien. Es färbt nichts ab, macht uns nicht eine Spur besser. Aber reicher. Noch wissen wir nicht, wer die Olympiade gewinnt – es wird eine große Zahl Sieger geben, aber den wichtigsten Sieg streicht einer ein, der nicht mit auf der Teilnehmerliste steht – der Kiebitz.
Ich habe unter katastrophalen Bedingungen immer mal wieder den Verschluss meiner Kamera ausgelöst. Ich würde die Bilder der schlechten Qualität wegen zwar gerne zurückhalten, für einen kleinen Eindruck sollte es aber reichen. Am besten jedoch, Ihr fahrt selber hin.
(Frank Weller)
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Topics: Allgemein | 2 Kommentare »
















22.November 2008 at 21:15
Sind doch Top-Fotos Frank!
Megastarker Bericht
22.November 2008 at 22:18
[...] Markneukirchner verstärkt von Heike Sandner in Dresden. Frank Weller schrieb einen starken [Bericht] mit sehr schönen Fotos. Schon am vergangenen Wochenende besuchte Burkhard Atze die [...]