Trauer um Ralf Wander
Ein Nachruf
(Frank Weller nimmt für den SV Markneukirchen Abschied von Ralf)
Eine Nachricht erschüttert unseren Verein und die Schachfamilie im Vogtland und weit darüber hinaus: Am 25. Juli 2026 ist Ralf Wander für immer von uns gegangen. Er war nicht nur unser Vereins- und Mannschaftskamerad, Trainer und Freund – Ralf war ein Mann, der Schach verkörperte, dem das Figurenspiel förmlich durch die Adern floss. Er verbrachte sicher nicht viele Tage, ohne einmal an Schach zu denken, eine Aufgabe zu lösen oder wenigstens den Blick über das Schachbrett gleiten zu lassen, wo noch eine Analyse auf ihn wartete. Im Bezirk Chemnitz muss man wohl niemandem erklären, wer Ralf Wander ist. Zu ikonisch war Ralf mit dem Schachsport in Westsachsen verbunden. Sein Name stand und steht für Schach in Markneukirchen.

Dabei entdeckt Ralf seine Liebe zum Schach gar nicht einmal so zeitig – in seiner Kindheit und Jugend ist für den 1933 Geborenen noch nicht die passende Zeit, sich mit dem Spiel zu beschäftigen. Dafür startet er seine Karriere mit dem Eintritt in die damalige BSG Motor Markneukirchen so beachtlich stark, dass er sich bereits in seinem ersten Jahr für die 1. Mannschaft empfiehlt. Dort bleibt er. Und es geht weiter bergauf. Mit dieser Mannschaft steigt er bis in die DDR-Liga auf. Wer denkt, dass er damit zufrieden den Gipfel seiner Träume erreicht hat, der irrt. Denn eine zweite Karriere lebte bereits parallel – Fernschach. Bereits seit den frühen Sechzigern verschickte Ralf die berühmten Karten ins In- und Ausland. Mit vielleicht sogar noch größerem Erfolg als im Nahschach. 2001 wird er dafür mit der Goldenen Ehrennadel des Fernschachbundes Deutschland geehrt. Aber auch diese zeitaufwendige Sache reicht ihm nicht. Zu eigennützig, findet er. Und so beginnt Ralf zusätzlich eine Trainerlaufbahn mit einer eigenen Schachgruppe an der Erlbacher Schule. Mit wiederum – man wird es kaum glauben – großem Erfolg. In zehn Jahren lehrt er im Alleingang 80 Mädchen und Jungen das Schachspiel. Immerhin spielen heute, ein halbes Jahrhundert später, immer noch drei seiner Schützlinge im Verein (jetzt SV Markneukirchen), zwei davon in der 1. Mannschaft. Unter seinen ehemaligen Schachkindern, nunmehr allesamt selber im fortgeschrittenen Alter, gibt es nicht eines, das sich nicht gerne an die Zeit von damals und an ihn, den Trainer, erinnert. Mit ihnen fährt er zu Spartakiaden und Meisterschaften, zu Mannschaftskämpfen und Trainingslagern. Er macht sie zu Kreismeistern, führt sie aufs Podest bei Bezirksmeisterschaften, fährt mit der Mädchenmannschaft zur Zwischenrunde der DDR-Mannschaftsmeisterschaft und mit den Jungs zur Aufstiegsrunde in die DDR-Liga. Wie viele von ihnen wird er wohl über das Spiel hinaus stark gemacht haben? Ein Trainer aus Berufung und Passion! Jedes Turnier, jedes Talentesondertraining, jedes Punktspiel bedeutete für den Trainer, einen Tag vom freien Wochenende zu opfern und nicht selten, 15 bis 16 Stunden mit Bus und Bahn unterwegs zu sein. Auto fuhr er nicht.

Wie schaffte er das alles? Hatte sein Tag mehr Stunden, seine Woche mehr Tage? Ralf, der Familienmensch, konnte sich der bedingungslosen Unterstützung seiner Lieben, allen voran seiner Frau Hannelore, versichern. Ohne dass sie ihm den Rücken freihielt und seine Leidenschaft unterstützte, hätte Ralf das weder gekonnt, noch gewollt. Und genau das tat sie. Hannelore setzte sich oft mit Ralf ans Analysebrett, um Erfolg zu feiern und Misserfolg zu teilen. Und nahm so teil an dem, was für ihn so viel mehr war als ein Hobby. Ralf indes machte nie einen Hehl daraus, dass alles nichts wäre ohne seine Familie und seine Hannelore.
Gab es denn außer Schach nichts für ihn? Ein Wettkämpfer vor dem Herrn brennt natürlich auch für das Kartenspiel und König Fußball. Was für ein Feld für ihn, dem Analysten, aus Strategie, Taktik und Tabellen! Dass sein Enkel ein Torjäger wird, war für den Opa ein Fest!
Darüber hinaus wandert er sehr gerne, liebt es, unterwegs zu sein. Er bereichert so manches Fest mit humorvoller Lyrik, pflegt Freundschaften und Kontakte. Stets knobelt und kniffelt er an irgendwelchen Dingen, ersinnt immer Neues. Die Welt und das Leben stecken doch voller Rätsel und Geheimnisse! Stets hat er Lust am Denken und dem aufmerksamen Betrachten. Ist das dem Schach nicht verdächtig ähnlich? Richtig!

Ein Bauer weiß, wenn er sich nicht gut um sein Feld kümmert, wird die Ernte übers Jahr schmal. Ralf liebt sein Feld. Und kümmert sich. Für die Entwicklung des Schachsports im Vogtland und dessen Vereinslandschaft engagiert er sich ebenso wie für die Beziehung zum Marktleuthener Schachverein, die er aufbaute und über viele Jahre pflegte. 1996 ruft Ralf zusammen mit Heinz Zöphel die Obervogtlandmeisterschaft ins Leben – ein Turnier vor allem für den Zusammenhalt der obervogtländischen Vereine untereinander. Daraus wird eine gesunde, jährliche Tradition, die erst 2020 der Corona-Pandemie zum Opfer fällt.
Sein Wirken hinterließ Spuren und wurde geschätzt. Für sein Lebenswerk erhielt Ralf an seinem 80. Geburtstag die Ehrennadel in Gold des Schachverbandes Sachsen.

Die Stadtmeisterschaft 2020/21, welche bereits nach der 5. Runde wegen der grauen Coronazeit abgebrochen werden musste, war Ralfs letztes Turnier. Danach zog er sich aus dem Turniergeschehen zurück. Nie verlor er jedoch seinen Verein und dessen Stand in Bezirksklasse und -liga aus dem Blick. Nie vergaß er, danach zu fragen, was es denn Neues gäbe und wer in Stadt- oder Vereinsmeisterschaft um die Krone rang. Die Spielberichte und Publikationen wurden ihm ins Haus geliefert und Ralf studierte jede einzelne Zeile, als wäre er dabeigewesen und hätte mitgekämpft. Er freute sich mit dem Verein über die Erfolge von Steilstarter Toni und den anderen Nachwachsenden. Vielleicht sogar ein bisschen mehr noch als über den erneuten Aufstieg der Ersten in die 2. Landesklasse. Denn wenn ein Trainer eins nicht ablegen kann, dann ist es die Förderung und das Werden der Jugend.

Ein langes Leben bekommt Furchen und Narben. Wir sahen, dass Ralfs Lebenskraft wich. Und doch traf es uns unerwartet. Am 25. Juli, mit beinahe 93 Lebensjahren auf dem Zifferblatt, blieb seine Uhr stehen. Für seine Familie, seine Freunde, Bekannten und für uns, die wir über viele Jahrzehnte sein Leben begleiten durften, läuft die Uhr weiter, brachte mit der neuen Stunde Traurigkeit und Erinnerung. Dazu auch die Dankbarkeit für die lange, gemeinsame und gute Zeit mit dem Kameraden, Trainer und Freund Ralf.
SV Markneukirchen
Geschrieben von einem, getragen von allen.
Ralf im Kreise seiner Schachfreunde











