Trauer um Ralf Wander

Ein Nachruf

(Frank Weller nimmt für den SV Markneukirchen Abschied von Ralf)

Eine Nachricht erschüttert unseren Verein und die Schachfamilie im Vogtland und weit darüber hinaus: Am 25. Juli 2026 ist Ralf Wander für immer von uns gegangen. Er war nicht nur unser Vereins- und Mannschaftskamerad, Trainer und Freund – Ralf war ein Mann, der Schach verkörperte, dem das Figurenspiel förmlich durch die Adern floss. Er verbrachte sicher nicht viele Tage, ohne einmal an Schach zu denken, eine Aufgabe zu lösen oder wenigstens den Blick über das Schachbrett gleiten zu lassen, wo noch eine Analyse auf ihn wartete. Im Bezirk Chemnitz muss man wohl niemandem erklären, wer Ralf Wander ist. Zu ikonisch war Ralf mit dem Schachsport in Westsachsen verbunden. Sein Name stand und steht für Schach in Markneukirchen.



Dabei entdeckt Ralf seine Liebe zum Schach gar nicht einmal so zeitig – in seiner Kindheit und Jugend ist für den 1933 Geborenen noch nicht die passende Zeit, sich mit dem Spiel zu beschäftigen. Dafür startet er seine Karriere mit dem Eintritt in die damalige BSG Motor Markneukirchen so beachtlich stark, dass er sich bereits in seinem ersten Jahr für die 1. Mannschaft empfiehlt. Dort bleibt er. Und es geht weiter bergauf. Mit dieser Mannschaft steigt er bis in die DDR-Liga auf. Wer denkt, dass er damit zufrieden den Gipfel seiner Träume erreicht hat, der irrt. Denn eine zweite Karriere lebte bereits parallel – Fernschach. Bereits seit den frühen Sechzigern verschickte Ralf die berühmten Karten ins In- und Ausland. Mit vielleicht sogar noch größerem Erfolg als im Nahschach. 2001 wird er dafür mit der Goldenen Ehrennadel des Fernschachbundes Deutschland geehrt. Aber auch diese zeitaufwendige Sache reicht ihm nicht. Zu eigennützig, findet er. Und so beginnt Ralf zusätzlich eine Trainerlaufbahn mit einer eigenen Schachgruppe an der Erlbacher Schule. Mit wiederum – man wird es kaum glauben – großem Erfolg. In zehn Jahren lehrt er im Alleingang 80 Mädchen und Jungen das Schachspiel. Immerhin spielen heute, ein halbes Jahrhundert später, immer noch drei seiner Schützlinge im Verein (jetzt SV Markneukirchen), zwei davon in der 1. Mannschaft. Unter seinen ehemaligen Schachkindern, nunmehr allesamt selber im fortgeschrittenen Alter, gibt es nicht eines, das sich nicht gerne an die Zeit von damals und an ihn, den Trainer, erinnert. Mit ihnen fährt er zu Spartakiaden und Meisterschaften, zu Mannschaftskämpfen und Trainingslagern. Er macht sie zu Kreismeistern, führt sie aufs Podest bei Bezirksmeisterschaften, fährt mit der Mädchenmannschaft zur Zwischenrunde der DDR-Mannschaftsmeisterschaft und mit den Jungs zur Aufstiegsrunde in die DDR-Liga. Wie viele von ihnen wird er wohl über das Spiel hinaus stark gemacht haben? Ein Trainer aus Berufung und Passion! Jedes Turnier, jedes Talentesondertraining, jedes Punktspiel bedeutete für den Trainer, einen Tag vom freien Wochenende zu opfern und nicht selten, 15 bis 16 Stunden mit Bus und Bahn unterwegs zu sein. Auto fuhr er nicht.

Mädchenmannschaft Erlbach

Wie schaffte er das alles? Hatte sein Tag mehr Stunden, seine Woche mehr Tage? Ralf, der Familienmensch, konnte sich der bedingungslosen Unterstützung seiner Lieben, allen voran seiner Frau Hannelore, versichern. Ohne dass sie ihm den Rücken freihielt und seine Leidenschaft unterstützte, hätte Ralf das weder gekonnt, noch gewollt. Und genau das tat sie. Hannelore setzte sich oft mit Ralf ans Analysebrett, um Erfolg zu feiern und Misserfolg zu teilen. Und nahm so teil an dem, was für ihn  so viel mehr war als ein Hobby. Ralf indes machte nie einen Hehl daraus, dass alles nichts wäre ohne seine Familie und seine Hannelore.

Gab es denn außer Schach nichts für ihn? Ein Wettkämpfer vor dem Herrn brennt natürlich auch für das Kartenspiel und König Fußball. Was für ein Feld für ihn, dem Analysten, aus Strategie, Taktik und Tabellen! Dass sein Enkel ein Torjäger wird, war für den Opa ein Fest!

Darüber hinaus wandert er sehr gerne, liebt es, unterwegs zu sein. Er bereichert so manches Fest mit humorvoller Lyrik, pflegt Freundschaften und Kontakte. Stets knobelt und kniffelt er an irgendwelchen Dingen, ersinnt immer Neues. Die Welt und das Leben stecken doch voller Rätsel und Geheimnisse! Stets hat er Lust am Denken und dem aufmerksamen Betrachten. Ist das dem Schach nicht verdächtig ähnlich? Richtig!

2008 erklimmt er mit der ersten Mannschaft die Höhen der 2. Landesklasse

Ein Bauer weiß, wenn er sich nicht gut um sein Feld kümmert, wird die Ernte übers Jahr schmal. Ralf liebt sein Feld. Und kümmert sich. Für die Entwicklung des Schachsports im Vogtland und dessen Vereinslandschaft engagiert er sich ebenso wie für die Beziehung zum Marktleuthener Schachverein, die er aufbaute und über viele Jahre pflegte. 1996 ruft Ralf zusammen mit Heinz Zöphel die Obervogtlandmeisterschaft ins Leben – ein Turnier vor allem für den Zusammenhalt der obervogtländischen Vereine untereinander. Daraus wird eine gesunde, jährliche Tradition, die erst 2020 der Corona-Pandemie zum Opfer fällt.

Sein Wirken hinterließ Spuren und wurde geschätzt. Für sein Lebenswerk erhielt Ralf an seinem 80. Geburtstag die Ehrennadel in Gold des Schachverbandes Sachsen.  

Die Stadtmeisterschaft 2020/21, welche bereits nach der 5. Runde wegen der grauen Coronazeit abgebrochen werden musste, war Ralfs letztes Turnier. Danach zog er sich aus dem Turniergeschehen zurück. Nie verlor er jedoch seinen Verein und dessen Stand in Bezirksklasse und -liga aus dem Blick. Nie vergaß er, danach zu fragen, was es denn Neues gäbe und wer in Stadt- oder Vereinsmeisterschaft um die Krone rang. Die Spielberichte und Publikationen wurden ihm ins Haus geliefert und Ralf studierte jede einzelne Zeile, als wäre er dabeigewesen und hätte mitgekämpft. Er freute sich mit dem Verein über die Erfolge von Steilstarter Toni und den anderen Nachwachsenden. Vielleicht sogar ein bisschen mehr noch als über den erneuten Aufstieg der Ersten in die 2. Landesklasse. Denn wenn ein Trainer eins nicht ablegen kann, dann ist es die Förderung und das Werden der Jugend.

Jung gegen Alt: Toni Lutz gegen Ralf Wander im Oktober 2025

Ein langes Leben bekommt Furchen und Narben. Wir sahen, dass Ralfs Lebenskraft wich. Und doch traf es uns unerwartet. Am 25. Juli, mit beinahe 93 Lebensjahren auf dem Zifferblatt, blieb seine Uhr stehen. Für seine Familie, seine Freunde, Bekannten und für uns, die wir über viele Jahrzehnte sein Leben begleiten durften, läuft die Uhr weiter, brachte mit der neuen Stunde Traurigkeit und Erinnerung. Dazu auch die Dankbarkeit für die lange, gemeinsame und gute Zeit mit dem Kameraden, Trainer und Freund Ralf.

SV Markneukirchen

Geschrieben von einem, getragen von allen.

Ralf im Kreise seiner Schachfreunde




Maik Palm ging zu früh

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt

Sagt die Welt, dass er zu früh geht.

Wenn ein Mensch lange Zeit lebt

Sagt die Welt, es ist Zeit…

Puhdys, Wenn Ein Mensch Lebt , 1974

Vor einigen Wochen war Maik noch zu Besuch in Markneukirchen. Er hat seine Schule besucht, in der er so lange unterrichtet hatte, und seine Schachfreunde, mit denen er manchen Abend gemeinsam verbracht hatte. Er sah gut aus und glücklich – endlich wieder in der Heimat angekommen, in der Nähe der Eltern, die ihn brauchten, und bei der Frau, die er liebte. Keine Wochenendbeziehung mehr, endlich ein „normales“ Leben.

Es hat nicht lange dauern sollen. Maiks Herz hat aufgehört zu schlagen – viel zu früh – es war noch nicht Zeit. Es wäre noch so viel Zeit zu leben gewesen.

Maik am Brett – Französisch Abtauschvariante (Foto: Benno Klaus)

Wir erinnern uns heute an einen stets freundlichen, Wärme ausstrahlenden Menschen. Am Schachbrett konnte er einen mit seinen supersoliden Eröffnungen (Französich, Damengambit) und sicherem Spiel manchmal in den Wahnsinn treiben, besonders, wenn man den vollen Punkt brauchte. Neben dem Brett war er ein feiner Freund, der Anteil nahm und mit dem man angenehm über Gott und die Welt plaudern konnte.

Mach’s gut Maik!

Unser Mitgefühl und unsere Anteilnahme gehören seiner Frau und seinen Eltern.

Auch das Gymnasium Markneukirchen nimmt Abschied – hier.




Der Schachverein trauert um Gerd Sandner

Gerd - stets ein Lächeln für alle auf den Lippen
Gerd – stets ein Lächeln für alle auf den Lippen

Was wir in den letzten Wochen befürchteten, traf uns dennoch unvorbereitet und will nicht akzeptiert werden: Einer unserer besten Schachkameraden wurde aus unserer Mitte gerissen. Gerd verstarb am 24. Juni 2018 an seiner schweren Erkrankung. Wir trauern mit seiner Familie, sprechen ihr unser Beileid aus und können es doch selbst gar nicht fassen, welcher Verlust ihr und auch uns als seinen Freunden zugefügt wurde.

Als Kamerad war Gerd einer der zuverlässigsten, nie haben wir ihn schlecht gelaunt erlebt. Sollte er es je gewesen sein, hat er es nicht gezeigt. Einen ausgeglicheneren Menschen kann man auf dieser Welt nicht finden. Seine ruhige Vernunft, sein freundliches Wesen und sein stets zufrieden wirkendes Lächeln waren sein Markenzeichen. Selbst über seine Krankheit sprach er gefasst und voller Zuversicht. Fast meinte man, er wolle alle anderen noch beruhigen, die sich Sorgen machten, als sie hörten, was ihm zugestoßen war.

Sein Charakter widerspiegelte sich in seinem Schachspiel. Wenn er sagte, er wäre aufgeregt, konnte man ihm das ob seiner Gelassenheit kaum glauben. Er konnte mit den größten Schwierigkeiten am Brett umgehen, als wären es nicht seine, sondern er säße nur zufällig auf dem Platz. Hippelten und zappelten schon seine Mannschaftskollegen um ihn herum, weil er in höchster Zeitnot war, brachte ihn selbst nichts aus der Ruhe. Äußerer Druck traf auf innere Gelassenheit.

Ausgeglichene und sichere Stellungen liebte er über alles. Zwar kann man ohne Risiko, das ihm weniger lag, oft keinen entscheidenden Vorteil erlangen, aber für ein Remis reichte es in den meisten Fällen. Das verteidigte er auch gegen wesentlich stärkere Gegner. Jahrelang am Spitzenbrett der 2. Mannschaft war er der Remisschreck der Besten der Gegner. Folgerichtig wurde er vor vielen Jahren in die Erste geholt, wo er meist am 2. Brett regelmäßig seine halben Zähler abholte. Ein Remis an einem vorderen Brett der Bezirksliga war für die Mannschaft ein Gewinn. Damit wurde es auch für ihn zum Erfolg und er lieferte fleißig. Und gewöhnte sich immer mehr an das Remis-Spiel.

1. Mannschaft 2017
1. Mannschaft 2017

Gerd war dabei, als wir in die 2. Landesklasse aufstiegen, als wir dort die Klasse hielten und erst ein Jahr später wieder abstiegen. Er war auch beim zweiten Abenteuer Landesklasse dabei und nahm später alle Auf-und-Abs mit. Er kämpfte, gewann und verlor mit seiner Mannschaft. Auf ihn war Verlass, er war immer da, wenn er gebraucht wurde. Sollte die Situation ein Remis für die Mannschaft nicht erlauben, spielte er auf Sieg. Wenn er musste, konnte er das auch. Er war bekannt im Spielbezirk Chemnitz. Den Sandner Gerd kannte jeder, man schätzte und respektierte ihn.

Seinen letzten Kampf im Leben verlor Gerd. Die heimtückische Krankheit spielte nicht offen, sie nahm auch kein Remis an. Wir als seine Freunde setzten wie immer auf ihn und wünschten ihm sehnlichst den Punkt, aber der Gegner war zu stark und einfach nicht zu fassen.

Wir verlieren mit Gerd einen Kameraden, dessen Platz nicht ersetzt werden kann. Gerd, du behältst deinen festen Platz in unseren Herzen.

(Frank Weller)

2017: Gerd in seiner schachspielenden Familie
2017: Gerd in seiner schachspielenden Familie




Istvan Lampert ist nicht mehr

Am vergangenen Donnerstag während des monatlichen Blitzturnieres hörte das Herz von unserem Stefan auf zu schlagen.

Wieder lässt uns diese Nachricht mit tiefer Betroffenheit und Anteilnahme für seine Familie zurück.
Stefan fand erst spät in den Schachverein, aber es zeichnete ihn eine große Liebe zum Spiel und eine entschlossene Kämpfernatur aus.
Wenn man ihn in Bad Elster in seinem Geschäft für ungarische Spezialitäten besuchte, wurde man schnell ins Hinterzimmer zu einer Partie Schach gebeten. Selten ging man dann ohne eine kleine Aufmerksamkeit nach Hause. Oft unterstützte er auch mit Sachpreisen unser Osterblitz oder das Weihnachtsblitz.
Seit er an unseren Vereinsabenden teilnahm, verbesserte er stetig sein Spiel, entwickelte sich zu einer Stütze zuerst in der dritten und dann in der zweiten Mannschaft. Nie war er verdrießlich, wenn er eine Partie verlor, vielmehr wollte er es schnell in einer neuen Partie besser machen: „Komm, spieln wir noch eine.“
Zu gerne würden wir noch eine Partie mit ihm spielen.




Klaus Wagner – wer ihn kannte, weiß, was wir verloren haben

Klaus Wagner, *11.12.1936 †09.09.2016
Klaus Wagner, *11.12.1936 †09.09.2016

Wieder erschüttert uns im jungen Spieljahr eine Nachricht: Ein Kamerad aus unserer Mitte erkrankt ganz plötzlich schwer und

verstirbt nach nur wenigen Tagen. Und wieder möchten wir die Zeit zurückdrehen, uns wenigstens von ihm verabschieden und ihm sagen dürfen, wie viel er uns bedeutet hat. Nicht nur als Schachspieler mit seiner Leistung, seinen Punkten, die er für seine Mannschaft erkämpft hat, sondern als jemand, dessen Wesen einen Verein bereicherte. Einfach weil er so war, wie er war.

Wenn Klaus Wagner auf trockenste Art einen Spruch „raushaute“, hinein in die angespannte Ruhe des Schachabends, dann hatte das oft genug Potenzial, den Tag zu retten. Mir ist es bis heute ein Rätsel, ob ihm selbst dabei immer klar war, für welche Wirkung seine Bemerkungen sorgten. Die stille Heiterkeit in ihm war der Nährboden für so manchen Schalk. Er musste nicht über pointierte Sätze nachdenken – die sammelten sich einfach in ihm und wenn sie nur hartnäckig genug drängelten, ließ er sie halt fliegen. Vielleicht ließ er sich aber auch inspirieren – draußen im Wald, einem seiner liebsten Plätze, oder daheim beim „Holz machen“. Entstand dabei sein trockener Humor? Möglicherweise auch beim Fußball, Kartenspielen oder eben Schach. In einer dieser Missionen war er in aller Regel immer unterwegs.

Seine Familie lebt in der Umgebung, zwei Kinder hat er, drei Enkel und zwei Urenkel. Sie waren gemeinsam mit seinen Hobbys die Fundamente seiner Zufriedenheit. Mehr brauchte er nicht, um glücklich zu sein. Damit ruhte er gewissermaßen in sich. Nie hatte man das Gefühl, dass ihn überhaupt IRGENDETWAS aus der Ruhe bringen konnte. Sollte er tatsächlich einmal außergewöhnlich aufgeregt gewesen sein, weil zum Beispiel von seiner Partie der Ausgang eines Punktspiels abhing, dann sahen das nur die, die ihn gut kannten. Seine Freude wiederum, wenn ihm ein Kunststück gelang, konnten dagegen ALLE sehen. Das feierte er dann auch, natürlich wieder auf seine eigene, bescheidene Art. Überhaupt gehörte Klaus zu den äußerst bescheidenen Menschen. Er war kein Konsummensch, eiferte nichts Großem nach. Er baute sich auch keine Denkmäler und schöpfte seine Energie nicht aus Gigantismen. Klaus hob einfach das kleine Glück am Wegesrand auf. Wenn seine Wernitzgrüner Fußballjungs spielten, fehlte er bestimmt nicht oft. Bei den Neikirnger Ringern gehörte er früher zum treuen Publikum. Wo sportlich was lief, da war Klaus nicht weit weg. Da kannte er sich aus, war er gewissermaßen Experte. „Rasender Reporter“ wurde er deswegen auch manchmal scherzhaft genannt – was jedoch nicht ganz den Kern der Sache trifft: Das „Rasen“ passt denn doch nicht zu ihm und „Reporter“ vermittelt den Eindruck, dass jemand sich laut mit seiner Kommentierung in den Vordergrund drängt. Das würde ganz bestimmt nicht für ihn gelten, denn im Vordergrund fand man den Klaus eher nicht.

Als Schachspieler nahm Klaus eine Sonderstellung ein. Viele hören ja irgendwann einmal auf, Schach zu spielen und finden dann den späteren Einstieg nicht mehr. Klaus jedoch war ein Rückkehrer. Er legte Anfang der 1990er eine Pause ein und konzentrierte sich auf seine anderen Dinge. Seit 2003 war er als Rentner wieder dabei – und wie! Er bereitete sich zu Hause auf seine Gegner vor und analysierte seine Partien hinterher ausgiebig. Da musste sich oftmals nicht nur der Wirt in Geduld üben – wenn Klaus einmal saß, dann saß er! Und überraschte in der Analyse seine Kameraden mehr als einmal mit frischen Ideen! Stundenlang konnte er grübeln: „Döi is weg… Eine Katastrophe… Total kaputt… Nix mehr zu machen… Kast neihaue…“, um dann mit „Neja, was issn mit dem?“ doch noch eine neue Variante einzuflechten.

Ralf Wander, jahrzehntelanger Vereins- und Mannschaftskamerad von Klaus, erinnert sich an sein erstes Sektionsturnier 1967 bei (damals noch) Motor Markneukirchen: In seiner allerersten Partie spielte er gegen Klaus Wagner. Ich habe recherchiert, dass es der 8. Juni 1967 gewesen sein könnte. Klaus war gegen den Neuling Ralf arg in Bedrängnis, wurde tüchtig überrumpelt. Er grübelte, schüttelte resigniert den Kopf und meinte: „Mir göit’s wöi ne Nasser!“ Der Sechstagekrieg zwischen Israel und der arabischen Welt tobte den vierten Tag und in der Haut von Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser mochte an diesem Tag niemand stecken. Klaus konnte sich wohl einfühlen…

Eine andere Geschichte war geradezu legendär: Klaus spielte gegen den Schneidenbach Heinz. Beide hatten nur noch Könige und Bauern auf dem Brett. Klaus hatte sich ausgerechnet, dass sein Bauer eher auf die gegnerische Grundlinie ziehen würde und zur Dame würde. Heinz hatte etwas „geschnäpselt“, führte seinen Zug aus, vergaß, die Uhr zu drücken und döste ein bisschen ein. Klaus stand auf und lief herum. Irgendwann wachte der Schneidenbach Heinz auf, sah, dass seine Uhr lief, schlussfolgerte daraus, dass er dran wäre und zog noch einmal. Damit war später sein Bauer eher „drin“. Da beide nicht mehr mitgeschrieben hatten, konnte niemand mehr nachweisen, wie das zustande kam. Klaus fiel aus allen Wolken: „Des gitt’s doch neat…“

Eine dem Schachspieler typische Zerstreutheit zeigte sich natürlich auch in Klaus‘ Wesen: Er konnte zum Schachabend kommen und fragen: „Wen hoh ich ’n heit? Was spiel ma’n heit? Aaach, Blitz is heit? No dou, dou mach ich wieder hamm!“

Auch abseits vom Schachbrett erlebte er so manches Klaus-typische Abenteuer. Er selbst erzählte Ralf eine Anekdote von seinem Engagement beim Wernitzgrüner Fußball: Klaus war für Wernitzgrün sogar als Schiedsrichter tätig. Er musste einmal in Adorf ein Spiel pfeifen, das so schlecht lief, dass ihm die Zuschauer an den Kragen wollten. Er nahm Reißaus, lief zum Bahnhof und sprang in den Zug. In Neikirng angekommen, fiel Klaus ein: Ach! Ich woar doch mit’m Motorrädl!

Es werden wohl die lustigen Begebenheiten sein, die uns in Erinnerung bleiben. Der trockene Humor eines Mannes, der sich selbst nicht für so wichtig nimmt. Wenn man sich ihn vorstellt, sieht man ihn am Brett sitzen – nach vorn gebeugt, still, die Hände auf den Beinen unter dem Tisch. Grübelnd. Analysierend. Und wenn er kurz aufschaut, sich die Blicke treffen, er ein bisschen dazu nickt, dann weiß man, dass sich der nächste Spruch schon nicht mehr aufhalten lässt.

Frank Weller

…und wir glaubten, wir hätten noch so viel Zeit.




Nachruf: Gerhard Rehbein lebt nicht mehr

In der vorigen Woche bekam ich einen Anruf: Frank Bicker vom VSC Plauen teilte mir mit, dass Gerhard Rehbein gestorben sei. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich seit Jahren zusehends, so dass ihn die Krankheit letztlich niederwarf. Wir verlieren mit ihm einen echten Vollblutschachspieler – einen, dem Schach zu spielen alles bedeutete.

Gerhard Rehbeins gesamter Lebensinhalt konzentrierte sich auf das Schachspiel. Wenn er am Schachbrett saß, saß er wie ein Fels. So habe ich ihn kennengelernt. Die Zigarette zwischen den Fingern war halb abgebrannt, vergessen. Die Idee hatte ihn gepackt. Nichts konnte ihn jetzt davon abhalten, seinen Gegner zu zerdrücken. Der Aschenbecher neben ihm war am Ende des Schachabends halb voll – damals, als er sich das noch erlaubte und es im (Spiel)Lokal noch nicht verboten war. Neben ihm konnte die Welt untergehen, ohne dass er es bemerkte. Allerdings konnte er schon beim nächsten Mal komplett aus der Haut fahren, wenn neben ihm auch nur ein Bonbonpapier knisterte. Dann konnte er sich nicht konzentrieren, kam nicht in die Partie und er funktionierte nicht so, wie er funktionieren wollte. Das hasste er. Dann wurde er laut und die Welt konnte seinetwegen ruhig untergehen.

Sein Spiel musste nicht nur effektiv sein, sondern ästhetisch. Er liebte die Schönheit einer Partie. Leicht zu gewinnen, befriedigte ihn nicht, machte ihn genauso unzufrieden wie seine eigenen Fehler. Lieber unterlag er in einer guten, kompromisslosen Partie am Ende, als dass es langweilig war auf dem Brett. Überhaupt schätzte er die Kompromisslosigkeit – so spielte er und so lebte er auch. Sein streitbarer Charakter ließ ihn immer wieder stolpern, auch nirgends richtig heimisch werden.

Gerhard spielte zweimal jahrelang auch in unserem Verein. Hier wurde er, dem alle Facetten des Schachs lagen, Vereins-, Blitz-, Schnellschach- und Stadtmeister, spielte erfolgreich mit der ersten Mannschaft in der Bezirksliga. Viele Begebenheiten und Anekdoten stehen in Verbindung mit seinem poltrigen Gemüt. Spaßig war es oft, aber auch nicht immer. Und am wenigsten für seinen Gegner, den Unglücksraben, wenn er einen schwächeren Zug machte. Dann nahm sich Gerhard die Zeit, den Kopf zu heben und ihm 10 Sekunden lang in die Augen zu schauen…

(Frank Weller)

Ralf Wander stellte mir freundlicherweise den untenstehenden Artikel der Freien Presse zur Verfügung, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Ein Zeitzeuge voller Nostalgie.




Der Verein weint um Elke Hartl

Elke Hartl, 9. Mai 1966-17. September 2015

Die erschütternde Nachricht zieht uns den Boden unter den Füßen weg: Unsere Elke lebt nicht mehr. Ein tragischer Verkehrsunfall riss sie am Donnerstagmorgen jäh aus dem Leben. Das Unglück trifft uns so plötzlich, dass wir in völliger Fassungslosigkeit nicht glauben können, was wir hören. Nur langsam reift die Erkenntnis, vom Verstehen sind wir noch weit entfernt.

Mit Elke verliert der Schachverein einen wichtigen Teil seiner Seele. Sie war eines der ganz besonderen Mitglieder, die ein Verein nur haben kann: Nicht der Erfolgssammler, doch wertvoll. Nicht im Rampenlicht, sondern selber strahlend.

Ihre eigenen Belange stellte Elke stets hinten an, zuerst kamen die der anderen. Sie war eine derjenigen, die handeln, bevor sie darum gebeten werden müssen. Mit Herz und Hand setzte sie sich für den Verein und ihre Mannschaft ein, deren Leiterin sie war. Immer. Sie motivierte alle und sich selbst.

Die meisten von uns kannten Elke seit vielen Jahren – eine lange Zeitspanne, die uns jetzt als viel zu kurz erscheint. Und trotz aller Beklemmung: Wir dürfen stolz und dankbar dafür sein, Elke in unserer Mitte erlebt zu haben.

Unser Mitgefühl gilt vor allem Elkes Familie. Wir trauern mit ihrem Sohn, ihrem Lebensgefährten, ihren Eltern, Geschwistern und Angehörigen und versichern ihnen, in ihrem Schmerz nicht allein zu sein.