Foto: Benno Klaus

Der Schachverein trauert um Siegfried Dreier

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Das freudlose Jahr 2020 ist mit grauen Nachrichten noch nicht fertig. Wir trauern erneut um einen Sohn unseres Schachvereins. Im Alter von 86 Jahren ist unser Siegfried Dreier von uns gegangen und lässt uns ratlos zurück. Das Virus, das derzeit unser aller Tage bestimmt, sucht sich seine Opfer nicht aus, sondern schaufelt zufällig und sinnlos Gräber. Wir stehen an Siegfrieds Grab und wollen nicht glauben, dass der lebensfrohe Mann aus unserer Mitte gerissen wurde. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie – seiner Frau Renate, seinen Kindern Evi und Frank, seinem Schwiegersohn Holger und seinem Enkel Daniel.

Ich nenne Siegfried als „Sohn unseres Schachvereins“, obwohl er genauso gut als einer der Väter gilt. Als sich die Sektion Schach der BSG Motor Markneukirchen 1990 zur Gründung des unabhängigen Schachvereins Markneukirchen e.V. entschloss, war Siegfried der erste, also der Gründungsvorsitzende des jungen Vereins. Für ihn gab es nicht viel nachzudenken, als er gefragt wurde, ob er es denn machen wolle. Natürlich machte er das. Seit Mitte der Siebziger war er ja schon der Sektionsvorsitzende in der BSG. Jetzt hieß es, sich fit zu machen auf neuem Gebiet – dem Vereinsrecht. Zusammen mit Ute und Benno stemmte er das, musste nebenbei lediglich seine Werkstatt in die westdeutsche Marktwirtschaft überführen. Wer sich erinnern möchte: Auch hier änderte sich bis auf sein eigentliches Handwerk alles. Wieviel Kraft wird ihm das alles gekostet und gegeben haben?

Im Sektionsbuch der BSG Motor Markneukirchen wurde Sig zum ersten Mal 1951 genannt – also gewissermaßen urkundlich erwähnt – als er im Alter von 17 Jahren erstmals am Spielbetrieb der Erwachsenen teilnahm. Wer weiß, wie lange der junge Siegfried da schon Schach gespielt hat. Im Hause Dreier war Schach zu spielen eine Selbstverständlichkeit, waren der Vater und dessen Brüder doch drei Große des Schachs in Markneukirchen. Und weil Traditionen in der Familie damals wie heute hochgehalten wurden, war es nur folgerichtig, dass Sig nicht nur in der elterlichen Werkstatt lernte und arbeitete, sondern auch schachsportlich in die Fußstapfen vom Vater und den beiden Onkels trat. Das, was man von ihm erwartete, erfüllte Sig mit absoluter Zuverlässigkeit. Er machte seinen Meister, übernahm daheim die Werkstatt und – spielte natürlich weiter Schach. 69 Jahre sind es allein seit dem ersten Auftritt bei den Erwachsenen geworden.

Zeig mir, wie du Schach spielst und ich weiß, wer du bist. Unser Schachspiel reflektiert so oft unsere Einstellung zum Leben, unseren Charakter. Siegfrieds Schachspiel war der friedlichste Krieg seit Egmont Schmidt. Gegen sein Damengambit gewinnen zu wollen, war wie der Kampf gegen Troja, in dem die Trojaner dieses blöde Pferd zur Abwechslung mal nicht reinlassen. Hatte man sein Pulver verschossen und beim Zählen festgestellt, dass man eigentlich zu viel reingesteckt hatte, war das allerdings auch kein Beinbruch – das Remis bekam man allemal noch vom Sig. Er wollte ja von Anfang an nicht mehr. Sig spielte einfach gerne Schach – das war ihm wichtig – nicht so sehr das Ergebnis, solange er nur für sich spielte. Sein Donnerstagabend war dem Schach verschrieben, die eigene Partie war lediglich ein Teil dieses Abends. Es wurde gegessen, ein, zwei Bierchen getrunken, ein paar Späßchen gemacht, getratscht, geschachsimpelt, Vereinspflichten absolviert („Habt ihr Geld mit?“) und nebenbei eine Partie gespielt. Ganz anders am Sonntag. Da war Mannschaft. Da ging’s um was. Mit 83 holte Sig noch anderthalb Punkte aus den zwei Partien, die er in dieser Saison spielte. Aber da war es schon ruhiger um ihn, da war er schon ein bisschen müde. Nicht mehr der große Hero vom Mai ´79, wo er mit einer fulminanten Leistung als Ersatzmann in der DDR-Liga den zweiten Klassenerhalt entscheidend mit rettete. Am Abend zuvor wurde in der Mannschaft eigentlich schon der Abstieg gefeiert.

Ganz vorne in den Tabellen tauchte Sig zwar eher selten auf, aber es gab diese Erfolge. Wisst ihr noch, wie der Stadtmeister 2000 hieß? Da sammelte er die meisten Punkte und gewann die erste Markneukirchner Stadtmeisterschaft des jungen Jahrtausends. Jedoch nicht ausschließlich die zählbaren Punkte oder Siege zeichnen den Schachspieler aus. Sie lassen dich zwar Turniere gewinnen und machen dich zu einem leistungsstarken Schachspieler, aber zu einem richtig guten Schachspieler und wertvollen Mannschaftskameraden wirst du nur, wenn du weitere Kriterien erfüllst. Das sind Tugenden wie Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, Kameradschaft und Uneigennützigkeit, und es fällt mir nicht schwer, Siegfried diese zuzuordnen. Nicht zu vergessen die Kunst, sich selber nicht zu wichtig zu nehmen. Ich denke, niemand von denen, die ihn kannten, wird mir hier widersprechen.

Ich habe Sig kaum einmal in richtig schlechter Laune gesehen. Natürlich wurde mal geschimpft, wenn die Jungen am Donnerstagabend wieder so laut waren, dass Sig sein eigenes Remisangebot nicht mehr hörte, aber das war schon die Ausnahme. Vielmehr sind es die ungezählten Späße, an die man sich erinnert. Immer Schelmereien im Kopf, hier ein flotter Spruch („Geh her, etze wirst g’rupft!“), da ein kleiner Streich und immer die diebische Freude daran – das waren Sigs Markenzeichen. So war er auch noch, solange wir regelmäßig im Paulusschlössl spielten. Damals, vor der Zeit, in der so vieles kaputtging.

Ich wünsche mir die Zeit zurück, als wir uns noch nicht bewusst waren, dass es einmal die gute, alte Zeit sein würde. Ich wünsche mir meinen Verein zurück, und die Mannschaft, und die Späße vom Sig. Als auch er noch der Alte war.

Frank Weller                                                                                                          im Dezember 2020

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